17 März 2020

Kellner zu Spargelstechern

Submitted by ebertus

Möglicherweise, aktuell wie populistisch gar die erste, mit Sicherheit nicht die letzte der absehbar nun aufkommenden bizarren Ideen zur Umwidmung menschlicher Arbeitskraft in Zeiten von Corona.


"Wie froh ist mein Vermieter, dass ich kein Spargelstecher bin" ...

waren so meine Gedanken, als ich Anfang der 90er und erstmals beruflich in Rhein/Main unterwegs, eine nicht gerade preiswerte (sponsored by Company) Dienstwohnung im Raum Darmstadt bezogen hatte. Das war damals schon ein Thema, diese osteuropäischen Erntehelfer, die -aus unserer Sicht- für kleines Geld acht bis zehn Stunden bei Wind und Wetter in gebückter Haltung in der Ackerfurche stehen und den Spargel aus der Erde holen. In der dazwischen liegenden Zeit beim Bauern im Wohnwagen oder Container hausen, nach zwei bis drei Monaten einfach wieder verschwunden sind.

Zwischenzeitlich, weil auch die Osteuropäer mittlerweile etwas mehr verdienen, sollten die ansonsten doch nur (gemäß einem hochrangigen SPD-Politiker) schmarotzenden Hartzer ran; und jetzt eben die Kellner. Letztere werden in Sachen ihrer Profession absehbar nicht gebraucht, wenn die Biergartensaison nebst anderer Restaurantaktivitäten Coronapause verordnet bekommt, die Osteuropäer nicht einreisen dürfen.

Aber warum eigentlich nur -oder gerade- die Kellner? Es gehört kaum Fantasie dazu es sich vorzustellen, wenn demnächst die Arbeitskraft von großen Teilen der Bevölkerung zur Disposition gestellt werden dürfte, nur wenig Helikoptergeld sie kaum retten wird.

Kommentare

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Möglicherweise (noch) nicht in allen Bundesstaaten, aber bereits in einigen.

Kreative Kleinunternehmer haben auch schon eine Petition für den Fiskus laufen, weil ihnen wegen des staatlich verordneten Notstands die Kundschaft wegbricht.

Mit dem bedingungslosen Grundeinkommen durch die Coronakrise

Antwort auf: heinz   zum Kommentar: Hotels und Gaststätten zu

Ob du oder dein Kneiper an der Ecke, der freelancer oder der befristete Bote oder sonst wer verhungern, ist offensichtlich nicht systemrelevant.
Wenn es gilt Banken, Konzerne, Börsenzocker und so zu retten, wird kaum ausreichend Geld übrigbleiben, fürchte ich. Und überhaupt sagt es doch das Wort "systemrelevant" deutlich: relevant ist das System. Darüber hinaus könnte man noch Fußball-Clubs retten. Da haben viele was davon.

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Antwort auf: Robert   zum Kommentar: Grundeinkommen geht nicht

Spiele vor leeren Rängen sind für den Fiskus Peanuts und simulieren nur die Heile Welt.

Wenn vielen Kleinunternehmern die Kundschaft wegbricht, sind die ruiniert und das ist Kaufkraft, die dabei wegbricht. Das ist schon relevant, weil die sich schnell bei Hartz4 anstellen müssen. Der Fiskus kann also entscheiden, ob das Spiel linke Tasche, rechte Tasche heißt, oder rechte Tasche, linke Tasche.

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Antwort auf: heinz   zum Kommentar: Peanuts

Selbstständige und kleine Unternehmen nebst derer Beschäftigte werden es relativ bald merken.

Wo nix reinkommt, kann auch nix rausgegeben werden; eigentlich eine Binse, aber nur für die vielen Kleinen vollumfänglich gültig. Da kann es schon in den nächsten Wochen kritisch werden.

Die Großen werden mit aus dem Nichts geschaffenen Geld gerettet und wer das Glück hat, bei den Großen beschäftigt zu sein, der kann das noch einige Wochen länger überstehen, als die Kleinen.

Wenn real weniger in die Sozialkassen eingezahlt wird, dann kann das der Staat ebenfalls mit virtuell geschaffenem Geld ausgleichen; kann..., wird er möglicherweise nicht vollumfänglich tun, um ein entsprechendes Drohpotential aufrecht zu erhalten.

Es braucht nicht viel Fantasie sich vorzustellen, dass demnächst die Renten gekürzt und/oder die Erhöhungen verschoben werden könnten.


Ironie am Rande. Wie man lesen konnte, produziert VW seinen e-mobilen Glücksbringer ID.3 bislang auf Halde, ist die Software der Steuerung angeblich noch nicht fertig, das Auto so nicht verkaufsfähig. Nun also beteiligt sich der Staat über Kurzarbeitsregelungen etc.an diesen Kosten, wird die Halde wegen dem Produktionsstopp erstmal nicht größer. Und wer im Herbst oder Winter, wenn die Software es bis dahin schafft, so ein Teil kaufen will, der bekommt ein bereits sechs bis neun Monate gut abgelagertes Stück Spielzeugtechnik ...

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Antwort auf: ebertus   zum Kommentar: Zu klein zum Retten

Gerade im Lokalfernsehen TV Halle gesehen (nicht online): Die Tafeln bekommen kaum noch etwas aus den Supermärkten und wollen eigene Hamsterer-Teams loschicken, der Katastrophenfond der Stadt soll zahlen.

Grüße aus dem home office

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Antwort auf: Rule Britannia   zum Kommentar: Tafeln

Wobei es dort doch primär um noch relativ frische Wahre geht.

Genau dort, bei den im Grunde neoliberal outgesourcten Unterstützungen für Bedürftige könnte sogenanntes Helikoptergeld etwas Sinnvolles leisten. Wird mit Sicherheit jedoch nur sehr begrenzt so kommen, weil das System dieses Droh- und Domestizierungsinstrument braucht.

Wenn Spargelstecher beispielsweise 25 Euro netto die Stunde bekommen würden, dann gäbe es vielleicht auch den einen oder anderen jüngeren, gesunden und kräftigen Kellner, der das für einige Monate tun wollte. Klar, kostet der Spargel dann etwas mehr, ist dessen Genuß aber nicht so wirklich überlebenswichtig.

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Antwort auf: Rule Britannia   zum Kommentar: Tafeln

... haben wir als Bildungsbürger gelernt.

Denkste, das Klopapier ist in den Supermärkten alle.

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Antwort auf: heinz   zum Kommentar: Erst kommt das Fressen ...

Selbstverständlich sollen Artikel wie diese:

Coronavirus: Kein Klopapier im Supermarkt? Hersteller gibt Entwarnung

das verunsicherte Volk draußen im Lande einlullen und das Märchen von genug Klopapier verbreiten. Die Wahrheit ist nüchtern und schrecklich, die kleinen grünen Männchen vom Mars sind gelandet und haben das Klopapier aufgekauft, um die staatliche Ordnung zu destabilisieren. Wie wir feststellen können, mit Erfolg.

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Antwort auf: ebertus   zum Kommentar: Zu klein zum Retten

Die Erhöhung der Renten am 1. Juli 2021 hängt an der Lohnsumme von 2020. Faktisch sind die Renten für 2021/22 bereits durch Arbeitsausfälle und Kurzarbeitergeld gekürzt worden. Auch da ist ein Grundeinkommen haushoch überlegen, weil es sich an der allgemeinen Kaufkraft orientiert.

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Das wird dieses Jahr sehr schwierig.

An der polnischen Grenze staut sich der Ausreiseverkehr. Das sind nicht nur Polen, die aus dem Seuchenland Deutschland flüchten, sonder auch viele Ukrainer, die als Transitreisende duch Polen nach Hause wollen. Alle dies Leute werden dieses Jahr keinen Spargel in Deutschland mehr stechen und die Erdbeerernte ist genau so gefährdet.

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Offensichtlich sind die Bayern uneinsichtig und müssen von ihrem Politpersonal gegängelt werden:

Welt: Ausgangssperre in zweitem Landkreis – Söder fordert Aussetzen der Stromsteuer

Die Mobilmachung durch Kamp-Karrenbauer verbirgt sich (noch) verschämt hinter einer Bezahlsperre:

Welt: „Wir haben unsere Reservisten aufgerufen, sich zu melden“

also klick und weg bist du!

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Sie naht nun wohl wirklich - wir müssen alle darben, vielleicht gar verhungern ...

"Geschäftsmodelle, die fast ausschließlich auf Dumping durch prekäre Arbeit basieren, sind in keiner Weise erhaltenswert. Und wenn der Spargel dann eben wieder seltener wird und 15-20 Euro pro Kilo kostet, wäre das keinesfalls eine Beeinträchtigung der Ernährungssicherheit"

schreibt der Cicero; gilt dies und ohne bedingungsloses Grundeinkommen wohl sehr generell für sogenannte prekäre Arbeiten.